Gastartikel Vogesenritt III/III

Dann ging es wieder los: Diesmal zu zweit. Andreas, ein 22-jähriger junger Friedhofsgärtner, war bisher nur mit seinem Vater auf Wanderritten unterwegs gewesen. Nun hatte er mich gefragt, ob er mich in den nächsten 10 Tagen mit seiner lieben und problemlosen Tinkermix-Stute Gina begleiten dürfte. Er wollte einmal ohne seinen Vater reiten und andere Erfahrungen machen. Später erzählte er, selten soviel Neues und Interessantes gelernt zu haben (einschließlich Intensivkurs in Pflanzenkunde unterwegs). Es hat ihm so gut gefallen, dass er seinem Vater stolz erzählte, demnächst nur noch ohne ihn unterwegs sein zu wollen… (das fand der Vater wiederum ganz gut, da er nun mit anderen sehr trinkfesten und in der Szene gut bekannten Wanderreitern losziehen könne). Andreas Lieblingsspruch war: Er habe 1.000 Leute unter sich und keiner gebe ihm Widerworte… Die letzten 5 Tage unseres Ritts begleitete uns noch meine langjährige Freundin Ingrid mit ihrer Araber- Berber-Stute Quezzane. Die erste Übernachtung mit Andreas auf dem 2. Teil des Rittes jetzt von der Eifel über den Niederrhein bis Reken/Münsterland war bei einem ehemaligen Arbeitskollegen von mir und Gärtnerfreund in Hürtgenwald. Man wollte kein Geld haben- dafür bringe ich im Herbst eine Fuhre gut verrotteten Pferdemist für den Garten vorbei. Auch die folgende Übernachtung bei einem Bekannten, der ein P.R.E.-Gestüt in Jülich hat, verlief bei einem schmackhaften Abendessen in netter Atmosphäre. Am nächsten Morgen zeigte er uns nicht nur alle seine Pferde, auch seinen Lieblingshengst führte er am langen Zügel und in einer gelungenen Dressurvorstellung unter dem Sattel nur für uns beide vor. Daher wurde es Mittag, ehe wir weiter ritten. Bei der herzlichen Verabschiedung wurde versprochen, bald Ableger von meinen zahlreichen Duftgeraniensorten vorbei zu bringen. Einer der Einsteller des Hofes kam gerade von einem langen Fußmarsch mit zwei Eseln Richtung Santiago de Compostela zurück und erzählte von seinen Erfahrungen. Er musste 400 km vor dem Ziel abbrechen. Schnell wurde vereinbart, in absehbarer Zeit einen gemeinsamen Bilderabend mit leckerem Essen in Jülich zu machen. Das Leben hielt noch mehr kleinere Abenteuer für uns bereit: Eine zugelaufene, sehr liebe Shettydame in Jülich (gerade, bevor wir mit den Pferden zur Eisdiele in der Innenstadt reiten wollten und dazu kann man nun wirklich kein freilaufendes Pony mitnehmen) und die Bekanntschaft zweier ganz unterschiedlicher FN-Berufsreitlehrer. Der eine unterrichtete als fahrender Dressurlehrer auf einem Pensionsstall am Niederrhein und hörte interessiert unserem Vorhaben und unseren Reiseschilderungen zu. Kommentar: „Ihr seid ja niedlich verrückt. Solche Reiter habe ich noch nicht erlebt.“ Dafür unterhielt er uns den ganzen Abend mit Schilderungen aus seiner Reitclientel: Es ging um Pferdeheilung per Pendel „die Kardätsche im Sattelschrank macht das Pferd laut dem Pendler krank, die habe ich danach sofort aus dem Mülleimer mitgenommen als schöne neue Bürste“, um Tierheilung per Telefon aus Berlin und andere sehr amüsante Dinge aus einer für uns fremden Welt.
Der andere Reitlehrer aus der Nähe des Rheins besaß einen Reitstall ohne Pensionspferde. Er erklärte uns ausgiebig die versicherungsrechtlichen Bestimmungen und wir mussten dort tatsächlich einen Einstellungsvertrag nur für eine Nacht abschließen. Dafür war der Elektrozaun der einzigen großen Wiese alle paar Meter aneinandergeknotet und sicherlich ohne Strom. Zum Glück waren unsere drei Pferde in einem separaten und neu eingezäunten kleinen Wiesenstück mit Strom untergebracht. Dieser Stall war wirklich kaum zu toppen: Da war die Elektrolitze mit einem einfachen Nagel am Holzzaun festgemacht (wie war das noch einmal mit der Erdung?) und in einer Boxe hat man einfach eine Holztür auf den maroden Bretterboden gelegt- aber auch die nach oben stehende Türklinke einfach dran gelassen!!!
Es gab aber auch sehr schöne Dinge wie z.B. das super leckere und riesige Eis in der Wassenberger Eisdiele.
Auch die Ausrüstung muss bei einer solchen Dauerbelastung exakt passen. Isis Sattel (Spirit von der Fa. Sommer) wurde vor dem langen Ritt mehrfach vom Verkäufer angepasst und trotzdem zeigten sich nach fünf Tagen sichtbare Hautveränderungen im vorderen Bereich. Wenn mir nicht Robert Claus bei meiner Übernachtung bei seiner Familie u.a. mit einem Messgitter geholfen hätte und eine Bekannte von ihm freundlicherweise mich nicht einfache Entfernung 90 km nach Pirmasens zur Fa. Sommer zum Umändern des Sattels gefahren hätten, wäre der Ritt bald für mich zu Ende gewesen. Auch für Andreas wäre der Ritt nach ein paar Tagen aufgrund immer stärker werdenden Gurtdrucks zu Ende gewesen, wenn nicht eine hilfsbereite Distanzreiterin bei einer Übernachtung ihm Mull mitgegeben hätte. So konnte er ein Loch in den Mull schneiden und die Stelle soweit abpolstern, dass am Ende des Rittes wieder alles ganz verheilt war. Dabei hatte er die gleiche Ausrüstung wie immer genommen… Zudem war seine Gina für Andreas erstmals sichtbar rossig geworden und klebte ganz fürchterlich an Quezzane. Dies wiederum gefiel Isis überhaupt nicht, die ihre neu gewonnene Freundin Gina am liebsten für sich beanspruchte. Sie ging sofort zwischen die beiden und so entstand ein regelrechter Pferde-Ringel-Reihen. Einen Abend mussten wir dies mit einer Litze unterbinden, da alle drei Pferde nur noch über die Wiese trabten und keine Ruhe fanden.
Andreas hatte außerdem keinen Schlafsack eingepackt, da ja alle Übernachtungen der 10 Tage vorher festgemacht waren. Die letzte Übernachtung vor Reken stellte sich allerdings als ein Heuhotel heraus. Ingrid und ich mummelten uns in unsere warmen Daunenschlafsäcke ein. Andreas blieb nichts anderes übrig, als seinen Wachsmantel als Decke anzuziehen. Was soll ich sagen- er ist frühmorgens völlig durchgefroren aufgestanden und in den zum Glück beheizten Frühstücksraum gegangen. Sein Weihnachts-Wunschzettel steht jetzt schon fest…
Das Ende des Rittes war in Reken die 40 Jahr-Feier des VFD (Verein der Freizeitreiter Deutschlands). 170 Pferde waren angemeldet und Reiter/ Fahrer aus ganz Deutschland vertreten. Es gab viele Dias (Vortrag vom Weltumreiter Manfred Schulze und der 6.000 km quer durch Europa gefahrenen nachgebauten Postkutsche) und Vorführungen zu sehen von Donnerstag bis Sonntag. Ein schönes Fest!
Isis und ich sind zwar keine 6.000 km unterwegs gewesen, aber immerhin über 1.000 km in den vier Wochen und gesund und munter angekommen. Nur das und die vielen schönen Erlebnisse zählen! Derartig angespornt, ist schon der nächste lange Ritt in Planung: Einmal von der Eifel in gut zwei Monaten durch Frankreich bis ans Mittelmeer reiten (und damit auch Mitglied in der Long Rider Gilde zu werden, siehe www.thelongriderguilt.com).
Natürlich mit einem Mangalarga Marchador!
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