Gastartikel Vogesenritt II/III

Man muss sich schon vorher überlegen, ob man mit Pferd dadurch passt, denn Isis geht unverzüglich und ohne Zögern überall her. Egal, ob zwischen zwei engen Bäumen durch, Gräben, Steilhänge etc. Dabei wartet sie stets brav, bis ich ihr das Kommando zum losgehen gebe und folgt erst dann. Das ist z.B. bei Steilhängen wichtig, wo ich zu Fuß vorgehe. Im anderen Falle würde ich Isis bergauf nur behindern und bergab könnte sie auf mich rutschen oder springen, wenn sie nicht warten würde. An einer Stelle im Wald entpuppte sich der anfangs noch sehr schöne Hohlweg steil bergab als Alptraum (obwohl noch als Wanderweg in der Karte eingetragen). Häufig war er mit dicken Buchenstämmen zugefallen und ich musste immer wieder auf den schmalen Grat hochklettern und dann ein paar Meter weiter wieder die ca. 3 Meter in den Weg runter. Am „besten“ war aber das Ende: Der Weg hörte mitten im Berg plötzlich auf. Sowohl Pferd als auch ich mussten ca. 4 m fast senkrecht runterrutschen, um auf den darunter liegenden Querweg zu gelangen. Solch kleine Abenteuer unterwegs erlebten wir noch oft und nahmen es mit Gelassenheit hin.
Die Suche nach einem Nachtquartier mit Futter für das Pferd gestaltete sich in Frankreich etwas schwieriger. Es war heiß und alle Fenster und Türen in den vielen kleinen Dörfern geschlossen. Die Strassen waren menschenleer –noch nicht einmal Kinder spielten auf der Strasse. So war es nicht einfach, jemanden zu finden, den man nach einem Stückchen Wiese oder einem Landwirt oder Pferdebesitzer fragen konnte. Manchmal war es einfach der Autofahrer, der seinen Wagen neben dem Pferd im Schuppen parkte oder der alte Mann auf dem Balkon neben der Strasse, die uns unvermutet und mit viel Engagement weiterhalfen. So wurde telefoniert mit dem Ergebnis, dass ein Bekannter des Autofahrers aus dem Dorf nachher sogar mit viel Aufwand ein Stückchen Wiese nur für diese eine Nacht provisorisch einzäunte und sogar Wasser für’s Pferd und mich von weit her anschleppte. Er wollte sogar nichts dafür haben… Aber es gab auch verschlossene Türen (neben einer verlockenden Wiese für die Nacht) und manchmal nicht so angenehme Übernachtungen: Isis musste z.B. kurz vor der deutschen Grenze eine Nacht in einem winzigen Eselstall zubringen mit 40 springlebendigen Ziegen direkt daneben und ich auf einer Couch in einem stark verräucherten Wohnzimmer. Aber egal wie die Übernachtung auch war, am nächsten Morgen ging es frohen Mutes weiter. Es ist einfach schön, dann wieder zu zweit unterwegs zu sein. Man kann die Seele einfach baumeln lassen- der Weg ist das Ziel. Zudem bekommt man dadurch eine unwahrscheinlich intensive und von gegenseitigem tiefem Vertrauen geprägte Beziehung zueinander. Manchmal ist es wie eine Offenbarung: Eines Tages machten wir in der Mittagshitze in einem kleinen Obsthain eine Pause und ich ließ Isis an der Hand grasen. Auf einmal merkte ich, wie mir mein Kreislauf wegging (ich habe stets zu niedrigen Blutdruck). Mir blieb nichts anderes übrig, als mich flach auf den Boden zu legen, um ein Umkippen zu verhindern. Isis hielt ich weiter fest. Im gleichen Moment, als ich mich hinlegte, hörte sie sofort auf zu fressen, scheuchte nicht mehr vehement die vielen Insekten weg und stand auf einmal ganz still neben mir und passte auf mich auf. Erst als es mir nach einer Viertelstunde besser ging und ich wieder aufstand, fraß sie normal weiter. So etwas hatte ich von der quirligen und noch recht jungen Isis nicht erwartet- ich war zutiefst berührt. Dasselbe ist einige Tage später noch einmal passiert, als ich mich in der schwülen Gewitterluft im Wald auf einem bemoosten Baumstumpf zu Isis Füssen ausruhte. Auch hier wachte sie über mich…
Dieses Erlebnis war für mich das Schönste auf dem ganzen Ritt- ich kannte es in dieser Form bisher nur von meiner P.R.E.-Stute Felipa. Und mit dieser verbanden mich mehr als 10 Jahre gemeinsame Wanderritte…
Es gab natürlich auch nette Gespräche mit den Gastgebern abends und manches Mal sogar eine Empfehlung für die nächste Nacht. Der Kontakt zu den anderen Menschen ist als einzelner Reiter viel intensiver, als wenn man mit mehreren gemeinsam unterwegs ist. Es liegt natürlich auch an jedem selber, sich zu öffnen und am Leben und Schicksal bisher wildfremder Menschen teilzuhaben. So gab es z.B. kurz vor der deutschen Grenze die Übernachtung bei einem Tiersammler. Er hatte Unmengen Geflügel, vier Hütehunde, Esel, Ziegen und ein Maultier und machte den ganzen Tag nichts anderes, als für seine Tiere zu sorgen. Alle Tiere waren in einem guten Zustand und in einem großen Terrain rund um einen See untergebracht. Er dagegen gab sein ganzes Geld für die Tiere aus, schlief nebenan in einem kleinen Zimmer im Haus des Bruders und bekam von seiner 5 km entfernt wohnenden Mutter noch Mittag- und Abendessen. Im Haus des Bruders war er aufgrund der schlechten Beziehung zu dessen neuen Frau nur ungern geduldet. Mir wurde seine ganze Lebensgeschichte erzählt: Früher hatte er viele Jahre alleine im Hochgebirge mit seinen sieben Hunden Schafe gehütet, bis die Besitzer die Schafe alle verkauft hatten. Er fand keinen neuen Job mehr und hat sich aufgrund der bisher gemachten Erfahrungen immer mehr von den Menschen weg und zu den Tieren hin gewendet. Ich konnte dies gut nachvollziehen- denn Tiere sind immer ehrlich – und musste noch oft an ihn denken.
Überhaupt gefielen mir die ersten 2 ½ Wochen meines Rittes am besten. Nicht, dass ich mich mit meinen beiden späteren Mitreitern nicht verstanden hätte (wir hatten viel Spaß miteinander), aber die Beziehung zum Pferd und zu den fremden Menschen unterwegs ist nicht mehr so intensiv. Dafür erlebte man wieder andere Sachen (mehr zwischenmenschlicher Art).
Die Hufeisen waren nach den ersten 2 ½ Wochen trotz vier Videa-Stifte völlig abgelaufen und mussten in den beiden Ruhetagen zu Hause in der Eifel erneuert werden. Es gab soviel zu tun, dass es sowieso keine Ruhetage waren: Wäsche waschen, stundenlang die fast vertrockneten Blumen meines schönen, großen Gartens wässern, etc.
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